Luftbild aus dem Jahr 1965

Luftbild von 1965

Ein Luftbild aus dem Jahr 1965 wurde dem gestern Abend dem Förderverein übergeben. Es gibt sehr interessante Details auf diesem Bild zu entdecken. So sieht man z. B. den noch vorhandenen Erker im Mühlentrakt, der bei einer späteren Dachumbaumaßnahme nicht wieder hergestellt wurde. Dieser Dachvorsprung war vor allem für den Fahrstuhlbetrieb erforderlich.

Gut zu erkennen sind auch die noch vorhandenen Oberleitungen, die direkt in das Mühlengebäude führen. Ebenfalls kein Wunder, denn in wasserarmen Zeiten erfolgte der Antrieb der Subsysteme mit drei Elektromotoren mit einer Gesamtleistungsaufnahme von ca. 16 PS = 10,76 kW.

KR 2015-05-11

Auszug aus dem Band "Niedersächsische Mühlengeschichte"

Wilhelm Kleeberg hat in seinem Band mit obiger Bezeichnung selbstverständlich auch die Mühlengeschichte des Dorfes Räbke dargestellt. Aus der 2. Auflage aus dem Jahr 1979 sollen nachfolgend einige Ausschnitte der Seite 387 aufgezeigt werden:

"RÄBKE: Der interessanteste Mühlenort des Kreises Helmstedt ist Räbke, denn er hat heute noch sieben Wassermühlen. Sie wurden oder werden alle von der einst so wasserreichen, vom Elm kommenden Schunter angetrieben.

Diese sieben Wassermühlen sind alle schon 1802 in der Geographisch Statistischen Beschreibung aufgeführt: Über dem Dorf eine Privatpapiermühle, eine Wassermühle mit Grützgang, die Kammer-Erbenzinsmühle ist, im Dorf drei Privatwassermühlen, eine Ölmühle, eine Papiermühle, ferner eine Roßölmühle.

...

Als nächstes kommt die Wassermühle Richard Liesegang (Nachname falsch, es muss natürlich Liesebach heißen), die vorher im Besitz der Familie Raddecke-Dormann gewesen ist und seit 1955 stilliegt. Nach den von Fr. Wittkopp, Celle, angestellten Nachforschungen in Kirchenbüchern hat am 29. Mai 1864 der aus der Wassermühle Heinsen (Kr. Hameln-Pyrmont) stammende Müller Hermann Dormann die Tochter des Räbker Müllermeisters Ernst Ludwig Raddecke geheiratet. Auch diese Mühle hat noch ein oberschlächtiges Wasserrad von vier Meter Durchmesser und arbeitete zuletzt mit vier Walzenstühlen. Sie könnte die älteste Räpker Wassermühle sein, denn sie wird urkundlich als eine am 14. September 1236 in Betrieb genommene Erbenzinsmühle* des Klosters St. Ludgeri in Helmstedt bezeichnet."

* Erbenzinsmühle: Die Mühle wurde dem Müller zur Nutzung auf Lebenszeit und zur Weitervererbung im Untereigentum gegen Erbzins überlassen. Das Obereigentum verblieb beim Grundherren, also dem Kloster St. Ludgeri Helmstedt.  

 

Mühlenstandort seit 1236

Die heutige Wassermühle wurde am 14. September 1236 als Erbenzinsmühle des Klosters St. Ludgeri in Betrieb genommen. Sie stellt damit eine der ältesten Mühlen des Dorfes Räbke dar. Ursprünglich wurde sie mit nur einem Mahlgang betrieben.

Diese Technik blieb bis 1864 annähernd unverändert. Zu dieser Zeit wurde die Mühle erheblich verbessert. Über ein gusseisernes Getriebe betrieb das oberschlächtige Wasserrad fortan zwei Mahlgänge.

Im Jahre 1905 kaufte der Müller Franz Liesebach die Wassermühle. Gleich nach der Übernahme ließ der neue Besitzer die Mühlentechnik aufwändig erneuern. Den Kern der Veränderung stellten ein neues Wasserrad aus Stahl (Durchmesser 3,65 m,
Breite 1,25 m, 42 Schaufeln), zwei Walzenstühle, Elevatoren und neuzeitliche Sicht- und Reinigungsmaschinen dar.

1937 erfolgte eine nochmalige Modernisierung durch die Helmstedter Mühlenbaufirma Nickel. Mit hoher Wahrscheinlichkeit erfolgt zu diesem Zeitpunkt auch der Einbau eines elektrischen Hilfsantriebs zur Unterstützung der Wasserkraft mit einer Leistung von 7,5 kW.

Nach dem Zweiten Weltkrieg erfolgte durch den Sohn des Käufers der letzte Umbau. 1948 baute Richard Liesebach einen weiteren Walzenstuhl ein. Elevatoren wurden aufgearbeitet, zwei weitere Elektromotoren glichen die unzureichende Wasserkraft aus.

Zu Beginn der 50iger Jahre des letzten Jahrhunderts hatte Richard Liesebach noch einige Großkunden. Bäckereien in der unmittelbaren Umgebung wurden mit Pferd und Wagen beliefert, das Weizen-Auszugsmehl "Elmgold" erfreute sich großer Beliebtheit.

Doch zeigten sich bald an den Baugruppen der Systeme Verschleißerscheinungen. Ende des Jahres 1954 stellte Richard Liesebach den Betrieb ein, er war zu diesem Zeitpunkt 54 Jahre alt.

Im Gegensatz zu allen anderen Räbker Wassermühlen hat Richard Liesebach den Zustand fast unverändert bestehen lassen. Es gab lediglich bauliche Veränderungen am Dachstuhl und den Verkauf einer Mehlmischmaschine, alle anderen Subsysteme sind im Originalzustand vorhanden.

Richard Liesebach starb im Jahr 1996 im Alter von 96 Lebensjahren. 

Mühlenkataster Räbke im Jahr 1939

Aus dem Nachlass des ehemaligen Räbker Bürgers Günther Meyer erhielt der Räbker Förderverein Aufzeichnungen unbekannter Quelle, die ein Kataster der Räbker Mühlen aus dem Jahr 1939 darstellen.

Die Aufzeichnungen zu allen sieben Mühlen werden hier gekürzt wieder gegeben:

Obermühle Räbke, Kreis Helmstedt, Amtsbezirk Königslutter

Name der Mühle: Obermühle, sie die am weitesten der Schunterquelle zu gelegen, oberhalb des Ortes

Name des Eigentümers: Ida Nagel, Betriebsleiter Konrad Nagel, der Ehemann

Zustand: In Betrieb, mit oberschlächtigem Wasserrad, zusätzlich 12 1/2 PS Motor, Getriebe in Ordnung, Mahl- und Schrotmühle.

Der Kundenkreis erstreckt sich auf Räbke und Eitzum. Das Mahlgut wird der Konkurrenz wegen abgeholt und zurückgebracht.

Vermahlungskontingent: 100 t Weizen und Roggen, im Jahr 1939 durchschnittlich 3000 Zentner Schrot verarbeitet, ist eine Kundenmüllerei.

Mühle Köhler Räbke, Kreis Helmstedt, Amtsbezirk Königslutter

Name der Mühle: Mühle Köhler, etwa 50 m unterhalb der Obermühle

Eigentümer: Witwe Ella Köhler, Betriebsleiter: der Schwiegersohn Hermann Denecke

Zustand: In Betrieb, oberschlächtiges Wasserrad, das innere Getriebe ist in Ordnung. Heute nur noch Schrotmühle, seit 30 Jahren nicht mehr gemahlen. Beliefert wird nur noch Räbke. Gebäude sind neu gebaut mit landwirtschaftlichen Einrichtungen.

Inselmühle Räbke, Kreis Helmstedt, Amtsbezirk Königslutter

Name der Mühle: Inselmühle, weil sie auf einer von der Schunter gelegenen Insel liegt.

Eigentümer: Wilhelm Vahldiek

Zustand: In Betrieb, oberschlächtiges Wasserrad, zusätzlich 7 1/2 PS Motor, Getriebe in Ordnung, nur Schrotmühle. Der Inhaber der Mühle ist Sattlermeister und betreibt die Mühle als Nebengewerbe. Soll nach Angaben des Besitzers die älteste Mühle im Dorfe sein.

Verarbeitet werden 400 bis 600 Zentner Schrot jährlich. Das Schrotkorn wird gebracht und von den Kunden wieder abgeholt.

Ölmühle Räbke, Kreis Helmstedt, Amtsbezirk Königslutter

Name der Mühle: Ölmühle Räbke. Die Mühle befindet sich auf einem Bauernhofe.

Eigentümer: Erich Willecke

Zustand: Außer Betrieb, wurde von einem oberschlächtigen Wasserrad getrieben. Das Wasserrad noch imstande, wird noch benutzt, um für den landwirtschaftlichen Betrieb Häcksel zu schneiden. Das übrige Getriebe nicht mehr in Ordnung. Die Mühle seit dem Weltkriege (Anm.: 1. Weltkrieg 1914 - 1918) stillgelegt. War nur Ölmühle. Die unteren Räume dienen als Luftschutzkeller. Eine Instandsetzung würde 10.000 RM kosten.

Roggen- und Weizenmühle Räbke, Kreis Helmstedt, Amtsbezirk Königslutter

Name: Roggen- und Weizenmühle Räbke

Eigentümer: Minna Liesebach, Betriebsführer Richard Liesebach, Sohn

Zustand: Durch die Einberufung des Betriebsleiters seit August 1939 stillgelegt. Wasserrad oberschlächtig und 1 Elektromotor 10 PS. Getriebe in Ordnung. Mahlmühle. Die Mühle ist eine Handelsmühle, gewährt ausreichende Existenz, Landwirtschaft wird nicht betrieben. Verarbeitet täglich 3 Wispel Mehl, das hauptsächlich nach Helmstedt und Magdeburg geliefert wird.

Anm.: Die Maßverordnung des Herzogtums Braunschweig vom 30.03.1838 legte fest: 1 Wispel = 4 Scheffel ≈ 1245,79 Liter. Daraus folgt, dass in der Mühle täglich ca. 3.750 Liter Mehl produziert werden konnte. Das entspricht einer Masse von ca. 3.000 kg = 3 Tonnen.

Untere Mühle in Räbke, Kreis Helmstedt, Amtsbezirk Königslutter

Name: Untere Mühle, die letzte Mühle innerhalb des Ortes an der Schunter

Eigentümer: Hermann Prinzhorn, hat im Jahre 1909 die Mühle käuflich erworben.

Zustand: In Betrieb, nur Wasserrad, oberschlächtig. Das innere Getriebe ist in Ordnung. Mahlmühle, hauptsächlich Schrot. Die Kundschaft ersteckt sich auf Räbke, Warberg und Lelm. Verarbeitet jährlich 3.600 Zentner Schrot und 20 t Roggen und Weizen.

Nach Angabe des Besitzers soll der verstorbene Lehrer Löding festgestellt haben, dass die Mühle 1228 von Mönchen erbaut worden ist, danach wäre die Inselmühle nicht die älteste im Orte. 

Senfmühle Räbke, Kreis Helmstedt, Amtsbezirk Königslutter

Name: Senfmühle Räbke

Lage: Räbke, liegt 1 km außerhalb des Ortes, rechts von der Straße Räbke - Frellstedt.

Eigentümer: Albert Lampe

Zustand: Die Senfmühle ist im Betrieb. Wasserrad oberschlächtig und 1 Elektromotor 7 1/2 PS. Das Getriebe ist noch in ausreichendem Zustande. Die Senfmühle ist eine Handelsmühle. Es werden die Kaufleute der näheren und weiteren Umgebung mit dem Produkt beliefert.

Im Jahre 1939 wurden 7.757 kg und im Jahre 1940 7.753 kg Senfsaat verarbeitet. 

 

 

Bericht eines ehemaligen Räbker Bürgers zur Mühle Prinzhorn

Alwin Reichardt, ein ehemaliger Räbker, lebt heute 88jährig in Braunschweig. Er schrieb im Jahr 2005 seine Kindheitserinnerungen zur Räbker Mühle Prinzhorn, der vorletzten schunterabwärts, auf. In Auszügen soll hier einiges wiedergegeben werden:

Wenn ich mich nun auch überwiegend auf die Prinzhornsche Mühle beziehe, so ging es in den anderen Wassermühlen doch fast genauso zu. Alle Räbker Wasseräder arbeiteten oberschlächtig. Diese Wasserführung war möglich, weil die Schunter innerhalb Räbkes ein großes Gefälle besaß. 

Fast überall war das Wohnhaus und die Mühle ein gemeinsamer Komplex, manchmal riesig groß, wenn man sich z. B. den Mühlenhof des Bauern Lampe anschaut, der einem Gutshaus oder gar einem kleinen Schloss nicht unähnlich sieht.

Wenn der Müller sein Wasserrad stilllegen wollte, sei es wegen einer Reparatur oder dem Reinigen des Zulaufes, so gab es dafür dann noch einen Nebenlauf, dem so genannten Umflutgraben, welcher an der Mühle vorbeiführte und in der Regel auch etwas tiefer lag.

Das Mühlengebäude selbst bestand überwiegend aus drei oder vier Etagen. In dem Dachgebälk war die Winde für den Fahrstuhl untergebracht. Der gesamte Komplex der Mühle löste in mir eine unheimliche Empfindung aus, es war für mich eine fast unerklärliche Technik. Alles funktionierte phantastisch.

So drehten sich dort große Räder vertikal und horizontal, große Holzzähne griffen genau ineinander. Im hinteren Teil der Mühle führte eine kleine Tür zu dem Wasserrad und der darüber fließenden Schunter. Es war alles so groß und gewaltig, dass man diese "Maschinerie" beim ersten Erleben nicht begreifen konnte.

Dazu kam noch das Rauschen des Wassers und drinnen in der Mühle das Gekrächze der vielen Räder, die sich behäbig drehten. Eine Etage höher befand sich die Abfüll-Vorrichtung für das Mahlgut, also für Mehl, Schrot und Kleie. Im ganzen Raum lag stets eine leichte Wolke des feinen Mehlstaubes.

In der darüberliegenden Etage waren die Einfülltrichter für das Getreide, welches dann auf die sich drehenden Mahlsteine rieselte, wo es dann zerquetscht und gemahlen wurde.

Innerhalb dieser aus Holz gefertigten großen Trichter befand sich eine Glocke, welche an einem gebogenen Stahlband befestigt war. Da sich der Trichter schüttelnd hin- und her bewegte, begann diese Glocke zu bimmeln, sobald das abwärts rieselnde Getreide das Geläut freigab. Dieses war für den Müller das Zeichen, dass er wieder Korn nachschütten musste.

Am interessantesten fand ich natürlich den Fahrstuhl. Dieser war in seiner Abmessung nur etwa einen Quadratmeter groß, Platz hatte nur der Müller und ein Sack Getreide bzw. Mehl. Innerhalb des Fahrbereiches hing ein dickes Tau von ganz oben herab. Zog der Müller kräftig an diesem Tau, dann fuhr dieser Fahrstuhl nach oben, zog er nur schwach, ging es langsam abwärts. Und das alles mit der Kraft des Wassers.

Bedauernswerter Weise ist aber die Gesundheit des Müllers durch den täglichen Mehlstaub sehr in Mitleidenschaft gezogen. Besonders der Lunge machte dieser Staub zu schaffen. So hatten fast alle Müller nach Jahren der Tätigkeit eine Staublunge.

... 

Auch rund um die Mühle gab es für den Müller viel Arbeit. So musste immer wieder das Grundstück instand gehalten werden. Auch das Pferd bzw. die Pferde mussten versorgt werden. Und selbst in der Mühle gab es neben dem Mahlbetrieb viel zu tun. So schärfte Müller Prinzhorn seine Mahlsteine selbst in mühevoller Feinarbeit, wenn die Rillen der Steine abgeschliffen waren. Mit einem Meißen und einem schweren Hammer wurden dann diese schlangenförmigen Rillen nachgearbeitet.      

 

Luftbild des Gruppendenkmals Sommer 2009

Luftbild der Mühlenanlage im August 2009

Die Mühlenanlage Liesebach wurde in den Jahren 1998 bis 2005 im Rahmen des Dorferneuerungsprogramms aufwendig saniert. Sämtliche Dächer, ein Großteil der Türen, die Hofeinfahrt und weitere wichtige Teilbereiche wurden dabei unter Beachtung des Denkmalschutzes erneuert.

Im Frühjahr 2008 begann die Instandsetzung der Mühlentechnik.

Joachim Lehrmann, Autor eines wertvollen Buches über die Räbker Buch- u. Papiergeschichte: „Kleines Dorf und große Papiergeschichte“, stellt fest:

"Bislang war 'Niedersachsens Papiermacherdorf' - und mit nichts anderem haben wir es im Falle Räbkes zu tun - in der Technikgeschichte und Papierhistorie völlig unbekannt. Doch allmählich dringt die über eine lange Zeit herausragende Stellung unseres kleinen Mühlendorfes (das ebenfalls allein in diesem Punkte Rekordhalter in Niedersachsen sein dürfte) innerhalb der Papiergeschichte dieses Bundeslandes auch in das Bewusstsein der einschlägigen Geschichtsschreibung."

Wer sich für die weiteren inhaltlich sehr beeindruckenden Details der Räbker Geschichte interessiert, möge auf der Internetseite des Verfassers fündig werden.